Dietmar Dath – Karl Marx

Karl Marx  von Dietmar Dath erschien 2018 in der neuen Reclam Reihe 100 Seiten, die laut Verlag auf genau 100 Seiten eine Einführung zu “aktuellen Themen für einen schnellen Überblick” (Quelle) geben soll. Diese Einführungen versprechen “persönlich geschrieben, modern gestaltet, unterhaltsam präsentiert” zu sein (Quelle). Vermutlich hätte ich mich beim Spontankauf von ersterem Versprechen bereits abschrecken lassen sollen, dem einzigen der drei übrigens, das vom Autor rigoros eingehalten wurde.

Dath beginnt seinen Beitrag mit einem Kapitel, dass er “Von Wut zum Wissen” nennt, in dem er jedoch mehr über seine eigenen philosophischen Gedanken zum Thema Wut palavert und uns Anekdoten aus seiner Schulzeit erzählt, als dass er tatsächlich über Marx und seine Lehre informiert. Im zweite Kapitel “Von den Ideen zur Praxis” gibt er dann seine Kenntnisse der hegelschen Lehre zum Besten und betreibt fleißig Namedropping diverser wichtiger Denker der Menschheitsgeschichte. Er schafft es dabei zwischendurch sogar 6 Seiten am Stück die Hauptfigur Marx nicht einmal zu am Rande erwähnen (man bedenke, dass dies in diesem Fall 6% des Buches ausmacht). Wer dann auf Seite 67 von 100 noch nicht eingeschlafen ist, kann sich im Kapitel “Vom Kapitalismus zum Kommunismus” darauf freuen, dass es thematisch endlich ein bisschen zur Sache geht. Allerdings rate ich dringend von vorzeitiger Freude darüber ab, denn der eigentlichen marxschen Lehre werden hier nicht einmal 23 Seiten gewidmet, von denen einige vollkommen bebildert sind. Die restlichen 10% des Buches bestehen aus persönlichen Einschätzungen des Autors über die politische Situation post-marxscher Regime, die sich selbst als kommunistisch einstufen. Mäh.

Persönlich scheint hier das Stichwort zu sein, denn mit einer tatsächlichen strukturierten Einführung in das Thema Marx und seine Lehre hat dieses Buch rein gar nichts zu tun. An dieser Stelle würde eine Titeländerung in Beliebiges Geschreibsel entfernt inspiriert durch Karl Marx und seine Lehre mit einigen falschen Erwartungen potenzieller Leser aufräumen.

Des weiteren habe ich mich bezüglich der Menge an Inhalt betrogen gefühlt. Die tatsächliche Schreibleistung von Dietmar Dath beläuft sich auf grob geschätzt 70%. Bilder füllen ganze Seiten, unnötige Illustrationen nehmen Platz weg, teilweise werden ganze Absätze einfach von Marx oder sonstigen Autoren abgeschrieben. Und die werden dann noch nicht einmal fachgerecht zitiert, nur wenn man Glück hat findet man im Fließtext einen Hinweis darauf, welchem Werk das Zitat entnommen wurde. Insgesamt bleibt es dem Leser ein Rätsel wo Dath all die Informationen her hat, denn Quellenangaben sucht man in diesem Buch vergeblich. Es gibt lediglich eine Liste an “Literaturtipps”. Auch wenn dies kein wissenschaftlicher Text ist, halte ich es nicht für zu viel verlangt ein Mindestmaß an Transparenz einzuhalten, aber von Wissenschaft scheint Dath ohnehin nicht viel zu verstehen, denn er nennt sie bereits auf der ersten Seite eine “gesellschaftliche Veranstaltung”.

Abgesehen von schlechter Betitelung und einem fehlenden roten Faden halte ich jedoch auch Daths Schreibstil für eine Katastrophe größeren Ausmaßes. Sich teilweise über eine halbe Seite erstreckende hypotaktische Satzgefüge machen das Buch stellenweise unlesbar. Sogar Heinrich von Kleist sieht neben Daths syntaktischer Odyssee blass aus. Hier eine Kostprobe:

Gegenständen der abstrakten Reflexion über Irrtum und Wahrheit, die Marx und Engels ermittelten, war die zwischen Idealismus und Materialismus selbst, in der Entwicklung von den französischen Aufklärern über Hegel bis zu Feuerbach: Aus dem Umstand, dass die Raupe kein Schmetterling ist, folgt nicht, dass sie keiner werden kann, und aus dem Umstand, dass Hegel sich irrte, als er schrieb, die menschliche Geschichte richte sich nach Ideen wie etwa dem Bewusstsein der Freiheit, während sie das in Wirklichkeit nicht tut, weil sie viel eher Goethes »Mischmasch von Irrtum und Gewalt ist«, folgt eben nicht, dass die menschliche Geschichte sich niemals dahingehend verändern könnte, dass sie sich plötzlich doch nach Ideen richtet – indem es nämlich in fortschrittlichen Epochen die Menschen selbst sind, die ihre Geschichte geleitet von Ideen neu einrichten können. (Dath 2018: S. 47)

Das ist ein Satz mit 130 Wörtern. Der Median der Satzlänge bei wissenschaftlichen Texten liegt bei 19,22 Wörtern (Pieper 1979: S. 50), der Durchschnitt in der literarischen Prosa bei 19,6 (Best 2002: S. 7-13). Machen Sie mit dieser Information, was Sie wollen. Dies ist allerdings nicht die einzige Peinlichkeit, die sich das reclamsche Lektorat geleistet hat. Flapsige Ausdrücke wie “unterm” statt “unter dem” ziehen die prätentiösen Satzkonstruktionen des Autors, die ohnehin bestenfalls wie hilfloser Schrei nach intellektueller Anerkennung wirken, vollends ins Lächerliche.

Insgesamt ist Karl Marx von Dietmar Dath eine Aneinanderreihung arbiträrer Informationen, jedoch ungeeignet als strukturierte Einführung zum Thema Karl Marx. Sprachlich und methodisch lässt das Werk zu wünschen übrig.

Reclam, ich will mein Geld zurück. Euer Name steht für Qualität und es enttäuscht mich maßlos, dass ihr derartigen Müll für publizierbar haltet.


Karl Marx Dietmar Dath | Reclam | 100 Seiten
ISBN: 9783150204542 | 10,00€


Literatur:
Best, Karl-Heinz (2002): Satzlängen im Deutschen: Verteilungen, Mittelwerte, Sprachwandel. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 7, S. 7–31
Pieper, Ursula (1979): Über die Aussagekraft statistischer Methoden für die linguistische Stilanalyse. Narr, Tübingen, S. 50

2 comments / Add your comment below

  1. Ich bin ganz erleichtert, wieder von dir zu lesen, weil ich deine Rezensionen liebe. Eben gerade weil sie so authentisch sind. Schade, dass dich das Buch so enttäuscht zurück lässt!

    Neri, Leselaunen

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