Margarete Stokowski – Untenrum frei



In ihrer 2016 erschienenen feministischen Essay-Sammlung Untenrum frei beschäftigt sich Margarete Stokowski mit der Frage wie es der Menschheit gelingen kann “untenrum frei” (in unserer Geschlechtswahrnehmung und Sexualität frei) zu werden. Sie stellt dabei die These auf, dass dies nur möglich sei, wenn wir uns “obenrum freimachen” (von kulturellen Normen und Sozialisation). Alle Essays hintereinander sollen eine Art Biografie des Frauwerdens darstellen, die teilweise durch Stokowskis Leben inspiriert und teilweise erfunden ist.

Strukturell ist dieses Buch ein einziges Chaos. Zu viele Konzepte werden zu inkonsequent verfolgt und verflechten sich am Ende in etwas, das nach dem Lesen als kaum mehr als “irgendeine feministische Lektüre” hängen bleibt. Die Hauptthese des Buches, dass es sich von kulturellen Normen freizumachen gilt, um untenrum frei sein zu können, taucht hin und wieder in einigen Essays auf, bleibt aber sehr lange unerläutert und fängt die Gesamtheit des Buches nicht wirklich ein. Die biografische Struktur, die sich durch die Essays als Gesamtwerk zieht, funktioniert zunächst sehr gut, muss allerdings leider in den letzten drei Essays immer mehr philosophischem Name-Dropping und Wutanfällen der Autorin weichen.

Auch inhaltlich war das Buch eine Achterbahnfahrt. Wenn ich die biografischen Schilderungen Stokowskis oftmals sehr gut nachvollziehen und anhand meiner eigenen Erfahrungen und Erinnerungen bestätigen konnte, dauerte es meist nur ein oder zwei Absätze bis die Autorin das Thema ad absurdum führte und den zuvor geschaffenen “common ground” wieder verließ. Immerhin auf 4 Punkte konnte ich mich mit ihr einigen:

  • die Kirche ist die Wurzel allen sexuellen Übels
  • Frauen- und Männermagazine sind furchtbar
  • wir brauchen dringend mehr und bessere sexuelle Aufklärung
  • die Arbeitswelt muss frauenfreundlicher werden (vor allem im Bezug auf Familienplanung)

Um jedoch darüber hinaus ein bisschen Wahrheit im weiten Themenfeld der Geschlechterforschung zu finden, eignet sich dieses Buch nicht. Stokowski generiert keine neuen Erkenntnisse, sondern trägt vielmehr unsystematisch und unvollständig vorhandenes  zusammen, bringt überwiegend anekdotische Evidenzen für von ihr beobachtete Sachverhalte an und schafft es sogar noch soziologische Studien verzerrt darzustellen. Von Stokowski nicht im wissenschaftlichen Kontext wiedergegeben ist zum Beispiel eine qualitative Studie von Lewis/Marston mit 71 Jugendlichen (was ohnehin aufgrund der fehlenden Übertragbarkeit kaum zitierterbar ist). Diese bezog sich auf Jugendliche ausschließlich in England, die nicht einmal per Zufall, sonder per Snowball Sampling ausgewählt wurden. Das bedeutet, dass Befragte weitere Befragte rekrutieren, was eine unfassbare Verzerrung des Samples nach sich zieht und daher nicht auf die Allgemeinheit (geschweige denn auf internationale Ebene) übertragbar ist. Das ist freundlich gesagt “unwissenschaftlich”.

Mein größtes Problem mit dem Buch jedoch ist die Attitüde. Berechtigte Kritik an der aktuellen Art der Existenz des Feminismus werden mit Sätzen abgeschmettert wie “[…] aber ich weigere mich, die Definition von Feminismus denjenigen zu überlassen, die ihn abschaffen wollen und die Frauen am liebsten mögen, wenn ihnen Sperma vom Kinn tropft” (S. 199). Da wundert es natürlich auch nicht, dass Stokowski nur knapp eine halbe in 250 Seiten den kulturelle Normen, die sich negativ auf Männer auswirken, widmet. Das Buch malt eine schwarz/weiße Welt aus Feministen bzw. solchen, die es noch werden, und Chauvinisten, was natürlich nicht dazu beiträgt bestehende Probleme zu lösen oder wenigstens einen produktiven Diskurs anzuregen. Dabei agiert sie nicht besser als die von ihr kritisierte Kirche, die mit genau dem gleichen gut/böse Weltbild arbeitet und entgegengesetzte Standpunkte ohne sachliche Auseinandersetzung dämonisiert

Am Ende macht Stokowski schließlich noch das ohnehin umstrittene Fass der Intersektionalität auf (die Idee, dass Feminismus sich nicht nur gegen Geschlechterdiskriminierung, sondern auch gegen Rassismus und Klassendiskriminierung etc. einsetzt) und verliert sich dann in Strohmann-Argumenten, warum es nicht genug ist sich Humanist zu nennen. Leider kommt das Wort Egalitarismus in diesem Zuge nicht ein einziges Mal vor, vermutlich, weil es eben genau das gleiche ist wie intersektionaler Feminismus ist, jedoch einen weitaus weniger exklusiven Namen hat.

Insgesamt war Untenrum frei eine Enttäuschung für mich, das essenziell wichtige Thema der Gleichstellung der Geschlechter hätte einer sorgfältigeren und durchdachteren Ausarbeitung sowie einem produktiverem Ton bedurft. Am Ende bleiben doch nur 7 Essays ohne roten Faden, die alle grob um das gleiche Thema kreisen.


Quellen
Lewis/Marston: Oral Sex, Young People, and Gendered Narratives of Reciprocity. In: THE JOURNAL OF SEX RESEARCH, 53(7), 776–787, 2016
https://pdfs.semanticscholar.org/8ca1/568700f50190852cd6ff5a0846cfefcf8d03.pdf

 

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