{"id":759,"date":"2019-06-15T16:05:33","date_gmt":"2019-06-15T14:05:33","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=759"},"modified":"2019-06-15T16:05:33","modified_gmt":"2019-06-15T14:05:33","slug":"martin-walser-ein-fliehendes-pferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=759","title":{"rendered":"Martin Walser &#8211; Ein fliehendes Pferd"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-771 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web.jpg\" alt=\"\" width=\"3000\" height=\"2000\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web.jpg 3000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web-768x512.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web-700x467.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web-960x640.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/IMG_6637web-1400x933.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 3000px) 100vw, 3000px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-375 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00bbEinem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es mu\u00df das Gef\u00fchl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd l\u00e4\u00dft nicht mit sich reden.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Martin Walsers 1978 erstmals erschienene Novelle\u00a0<em>Ein fliehendes Pferd <\/em>stellte einen Z\u00e4sur in der Karriere des damals zwar bekannten, aber immer noch von au\u00dferliterarischen Arbeiten abh\u00e4ngigen Schriftstellers dar (Magenau 2005). Der 150-Seiter verhalf Walser mit einem Bestseller-Erfolg \u00a0zur finanziellen Unabh\u00e4ngigkeit und brachte ihm gro\u00dfes Lob bei s\u00e4mtlichen Feuilletonisten ein, allen voran Marcel Reich-Ranicki h\u00f6chstpers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Helmut und Sabine Halm verbringen ihren Urlaub gemeinsam mit Hund Otto wie jedes Jahr seit 11 Jahren in der immer gleichen Ferienwohnung am Bodensee. Ihre Beziehung ist schon vor Jahren schier unwiederbelebbar eingeschlafen und die einzige Freude, die sie noch miteinander teilen, ist die allabendliche Flasche Wein. Bei einem abendlichen Stadtbummel treffen sie zuf\u00e4llig die Buchs. Klaus Buch ist ein alter Schulkamerad von Helmut, der mit seiner 18 Jahre j\u00fcngeren Frau nur unweit von den Halms ebenfalls seinen Urlaub genie\u00dft. Klaus ist das Gegenteil von Helmut &#8211; jung geblieben, abenteuerlustig, draufg\u00e4ngerisch &#8211; und Helmut entgeht nicht, dass Sabine wohl auch lieber einen wie Klaus daheim h\u00e4tte. Die M\u00e4nner stehen sich hier jedoch nur scheinbar als Antagonisten gegen\u00fcber, denn eigentlich sitzen sie im selben &#8211; hier nicht nur sprichw\u00f6rtlichen &#8211; Boot.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Der Leser nimmt Helmuts Perspektive ein. Helmut ist ein verklemmter Garstling, der niemandem etwas wahrhaft g\u00f6nnen kann und sich von allem und jedem permanent angegriffen f\u00fchlt. Eine der h\u00f6chsten Freuden in seinem Leben ist es, die Leute \u00fcber die Natur seiner Pers\u00f6nlichkeit zu t\u00e4uschen, sie an der Nase herumzuf\u00fchren. Er ist zutiefst unsicher und glaubt sein wahres ich vor der Welt besch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Wirklich sicher f\u00fchlt er sich nur in Isolation, in seinem Heim vermisst er Gitterst\u00e4be vor den Fenstern. Im Gegensatz zum unternehmungslustigen Klaus hatte Helmut \u00bbpraktisch nicht gelebt\u00ab, was ihm einerseits als Trag\u00f6die erscheint, jedoch andererseits \u00fcber Klaus&#8217; seiner Meinung nach l\u00e4cherlichen Lebensstil erhebt.<\/p>\n<p>Klaus ist immer guter Dinge, ihm scheint alles leicht von der Hand zu gehen und auch wenn Helmut es im Traum nicht zugeben w\u00fcrde, h\u00e4tte er auf der Stelle mit ihm tauschen wollen. \u00a0Es ist die selbe alte Geschichte: Helmut kompensiert seinen Neid auf Klaus durch Hohn und Spott, er begegnet ihm und seiner Lebensweise, die er doch insgeheim bewundert, mit Verachtung.\u00a0Aber auch Klaus ist nicht der Held, der er vorgibt zu sein. Auch er ist unsicher und geplagt von Selbstzweifeln. Er ist rastlos auf der Suche nach neuen Reizen, Abenteuer und dabei st\u00e4ndig auf der Flucht vor sich selbst, der \u00bbalte[n] K\u00fcchenschabe, nichts gewesen, nichts geworden\u00ab. Dies offenbart Klaus seinem alten Freund auf einer gemeinsamen Segeltour, dem Wendepunkt der Geschichte.\u00a0Flucht ist das essentielle Thema in Walsers Novelle. Beide M\u00e4nner sind auf der Flucht vor dem Leistungsdruck der Gesellschaft und vor sich selbst. Dabei entwickelte jeder von ihnen seine jeweils eigene Strategie: w\u00e4hrend sich Helmut ins Private zur\u00fcckzieht, entflieht Klaus seinen Problemen in die Welt hinaus.<\/p>\n<p>Walser verzichtet auf g\u00e4ngige Kenntlichmachungen von w\u00f6rtlicher Rede wie Anf\u00fchrungszeichen oder Einz\u00fcge, was Dialog und Prosa miteinander verschmelzen l\u00e4sst und eine aufregende Mitteilbarkeit schafft, die die personale Erz\u00e4hlperspektive hervorragend unterst\u00fctzt. Walser zeigt in\u00a0<em>Ein fliehendes Pferd\u00a0<\/em>au\u00dferdem eine Begabung, die nur wenige Autoren haben: er schafft es f\u00fcr einem jeden bekannten aber dennoch immer nur latent in unser Bewusstsein tretenden Gef\u00fchlsregungen immer die richtigen Worte zu finden und sie greifbar, manifest zu machen.<\/p>\n<p>Ihm gelingt hier eine au\u00dferordentlich faszinierende Analyse menschlicher Abgr\u00fcnde. Er verleiht seinem Protagonisten eine unsympathisch schmerzhafte Authentizit\u00e4t, die trotz seiner verachtungsw\u00fcrdigen Pers\u00f6nlichkeit dem Leser ertappend den Spiegel vorh\u00e4lt. Sowohl Helmut, als auch Klaus sind ein Symptom unserer Gesellschaft, jeder auf seine eigene Weise damit besch\u00e4ftigt einen Schein aufrecht zu erhalten, w\u00e4hrend sie von innen heraus verderben wie ein von Kernhausf\u00e4ule befallener Apfel. Der Schimmelpilz befiel sie in ihrer Bl\u00fctezeit, zerfra\u00df das Kerngeh\u00e4use ihrer jungen Frucht und greift nun im mittleren Alter auf das Fleisch \u00fcber. Sie beide sind fliehende Pferde und fliehende Pferde lassen nicht mit sich reden.<\/p>\n<p>Walsers Gesellschaftskritik an der oberfl\u00e4chlichen Fixierung auf anderer Leute Erfolge, an denen die eigenen gemessen werden, ist dabei so aktuell wie nie. Auf Instagram filtern wir uns das Leben sch\u00f6n und beneiden Influencer um die Abertausenden J\u00fcnger, die ihnen ins Heilige Land der materiellen Gl\u00fcckseligkeit folgen. Doch sie alle sind blind. Sie sehen das Ziel nicht, denn das Ziel gibt es nicht. Es ist eine Falle, aus der es nicht jeder vermag sich zu befreien.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Quellen<\/strong><br \/>\nMagenau, J\u00f6rg 2005: <em>Martin Walser. Eine Biographie<\/em>. Rowohlt Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbEinem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es mu\u00df das Gef\u00fchl haben, sein Weg bleibt frei. 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