{"id":756,"date":"2019-07-01T13:37:58","date_gmt":"2019-07-01T11:37:58","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=756"},"modified":"2019-10-17T15:11:18","modified_gmt":"2019-10-17T13:11:18","slug":"martin-suter-die-dunkle-seite-des-mondes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=756","title":{"rendered":"Martin Suter &#8211; Die dunkle Seite des Mondes"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-835\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww.jpg\" alt=\"\" width=\"3000\" height=\"2000\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww.jpg 3000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww-768x512.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww-700x467.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww-960x640.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/IMG_6976ww-1400x933.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 3000px) 100vw, 3000px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-378 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p>Die R\u00fcckseite des Mondes ist seit langer Zeit immer wieder Gegenstand konspirativer Spekulationen. Ufo-Basen, Aliens, ja die Nazis h\u00f6chstpers\u00f6nlich sollen sich mit Reichsflugscheiben auf der von uns Erdlingen nicht einsehbaren Seite des Trabanten tummeln. Zuweilen wird diese omin\u00f6se R\u00fcckseite auch die <em>dunkle<\/em>Seite des Mondes genannt und ist eine beliebte Metapher f\u00fcr die menschliche Seele. So soll Mark Twain einst gesagt haben:<\/p>\n<p><em>\u00bbEvery one is a moon, and has a dark side which he never shows to anybody.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>In ihrem Jahrhundertalbum <em>The Dark Side of the Moon<\/em>greifen Pink Floyd 1973 dieses Konzept musikalisch ebenfalls auf. Ein Hauptthema des Albums ist der \u00fcber uns allen wie ein Damoklesschwert pendelnde Wahnsinn, ma\u00dfgeblich inspiriert durch das Schicksal des Gr\u00fcndungsmitglieds Syd Barrett, der wegen psychischer Instabilit\u00e4t und zunehmendem Missbrauch halluzinogener Drogen 1968 die Band verlie\u00df. Er zog sich aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck, entfremdete sich zunehmend von der Realit\u00e4t und der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Martin Suter begibt sich also mit dem Titel seines 2000 erstmals erschienenen Romans auf bereits dicht bewachsenes Terrain. Suter erz\u00e4hlt die Geschichte von Urs Blank, einem erfolgreichen Z\u00fcricher Wirtschaftsanwalt mit dem Spezialgebiet Firmenfusionen, der nach einem Trip auf halluzinogenen Pilzen eine dramatische Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung erleidet und sich schlie\u00dflich, \u00e4hnlich wie Syd Barrett, von der Zivilisation zur\u00fcckzieht und im Wald lebt.<\/p>\n<p>Alles f\u00e4ngt wie so oft ganz harmlos an. Urs Blank ist 45 Jahre alt, hat bereits eine Ehe und scheinbar auch seine Midlifecrisis hinter sich. Er lebt mit seiner 7 Jahre j\u00fcngeren, beruflich als Besitzerin eines Design-Gesch\u00e4fts erfolgreichen Freundin Evelyne zusammen und hat im Grunde alles, was sich ein Mann w\u00fcnschen kann. Nach einer anstrengenden Verhandlung bis sp\u00e4t in die Nacht macht Urs Blank das erste Mal seit Jahren einen Waldspaziergang. Dieser erweckt in ihm das Gef\u00fchl, dass in seinem Leben etwas fehlt.<\/p>\n<p>Urs Blank ist ein verschlossener und beherrschter Mensch. Seine tats\u00e4chlichen Gef\u00fchlsregungen vor allem negativer Art spielen sich lediglich in seinem Inneren ab und dringen nie nach au\u00dfen. Blank ein w\u00fctender Mensch, was allerdings niemandem je auffallen k\u00f6nnte, da er seinen Zorn stets herunterschluckt.<\/p>\n<p>Auf einem Markt lernt Blank Lucille kennen, eine 26-j\u00e4hrige, tierliebe R\u00e4ucherst\u00e4bchenverk\u00e4uferin mit ausgepr\u00e4gt spiritueller Seite und einer Vorliebe f\u00fcr halluzinogene Pilze. Blank f\u00e4ngt ein Verh\u00e4ltnis mit ihr an und l\u00e4sst sich zu einem gemeinsamen Drogentrip mit einer Gruppe anderer Leute im Wald \u00fcberreden. Auf dem Weg zum Treffpunkt h\u00f6ren sie Pink Floyds <em>Dark Side of the Moon <\/em>in Blanks Cabrio. Das Ganze ist, wie der Leser bereits vermutet, der Anfang vom Ende des Urs Blank. Nach dem farbenfrohen Trip in die hinterletzten Ecken seines Bewusstseins ist Blank wie ausgewechselt. Er verliert die zuvor so akribisch gepflegte Hemmschwelle f\u00fcr die Expression seiner Aggressionen und wird zu einer Gefahr f\u00fcr sich und andere. Wieder vom Trip heruntergekommen verwandelt sich der bislang nach au\u00dfen hin ausgeglichene, Blank in einen r\u00fccksichtslosen Egomanen, dessen Gef\u00fchlsspektrum von gleichg\u00fcltig bis impulsiv-j\u00e4hzornig reicht. Mit seinem besten Freund, einem Psychiater, versucht er die Folgen des Trips durch weitere Trips r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, was ihnen jedoch nicht gelingt \u2013 Blank entfremdet sich zunehmend von der Zivilisation und allem, was ihm lieb und teuer war. Er zieht sich in den Wald zur\u00fcck, zu dem er eine st\u00e4rkere Verbindung sp\u00fcrt als je zuvor.<\/p>\n<p>Die Geschichte wird abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven erz\u00e4hlt. Dabei handelt es sich nicht nur um Blank und Menschen aus seinem privaten Umfeld. Suter bringt au\u00dferdem die Perspektiven von Gesch\u00e4ftspartnern und Klienten, einem Kommissar, einem Pilzexperten und anderen v\u00f6llig Fremden ein und er\u00f6ffnet damit diverse Nebenschaupl\u00e4tze und Handlungsstr\u00e4nge, die mit dem zun\u00e4chst angedeuteten tiefenpsychologischen Kern des Werkes nichts mehr zu tun haben. Die Fusionsgesch\u00e4fte von Blanks Kanzlei (in der er ohnehin kaum noch auftaucht) laufen anders als erwartet; Pius Ott, ein an einer Fusion beteiligter Klient der Kanzlei, versucht Blank im Wald ausfindig zu machen, um mit ihm eine Rechnung zu begleichen; Blanks Kollegen betreiben Insiderhandel an der B\u00f6rse; ein Kommissar kommt Blanks Verbrechen auf die Spur, die er im Zuge seiner drogenbedingten Hemmungslosigkeit begangen hat und so weiter und so fort\u2026 Faden verloren? Ich auch.<\/p>\n<p>Suter stopft die knapp 300 Seiten voll mit Anleihen an Krimimalroman, Psychothriller, psychologischem Roman, Wirtschaftskrimi und Politthriller. Und so kommt es, dass es nach dem ersten Drogentrip nicht nur f\u00fcr Urs Blank, sondern auch f\u00fcr den Leser rapide bergab geht. Die zun\u00e4chst interessante Geschichte von den Auswirkungen halluzinogener Drogen auf die menschliche Psyche zerfasert sich durch die sukzessive Dominanz nutzloser Erz\u00e4hlstr\u00e4nge und wird so immer beliebiger. Statt einen fokussierten Roman \u00fcber die dunkle Seite in uns allen zu kreieren, der sich mit der niedrigen Schwelle zwischen Normalit\u00e4t und Wahnsinn besch\u00e4ftigt, verfasstSuter nur ein uninspiriertes Durcheinander.<\/p>\n<p>Die Faszination der Abgr\u00fcnde der menschlichen Psyche, die Pink Floyd damals so erfolgreich musikalisch einfingen, spiegelt sich nicht in Suters Roman wider. <em>Die dunkle Seite des Mondes <\/em>verschenkt das dem referenzierten Thema innewohnende Potenzial kl\u00e4glich. Das ist schade, denn Suters interessantes Setup rund um die Themen Wald und Bewusstseinserweiterung bietet viele M\u00f6glichkeiten, die der Autor nicht nutzt. Mit der Referenz des Jahrhundertalbums schaffte Suter eine Fallh\u00f6he, die ihm zum Verh\u00e4ngnis wird. Der Roman kann seinem musikalischen Namensvetter nicht das Wasser reichen. Der Titel ist eine hohle Fassade.<\/p>\n<p><em>\u00bbThere is no dark side in the moon, really; [as a] matter of fact it\u2019s all dark.\u00ab<\/em>(Gerry Driscoll in\u00a0<em>Eclipse,\u00a0Dark Side of the Moon<\/em>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckseite des Mondes ist seit langer Zeit immer wieder Gegenstand konspirativer Spekulationen. Ufo-Basen, Aliens, ja die Nazis h\u00f6chstpers\u00f6nlich sollen sich mit Reichsflugscheiben auf der von uns Erdlingen nicht einsehbaren Seite des Trabanten tummeln. Zuweilen wird diese omin\u00f6se R\u00fcckseite auch die dunkleSeite des Mondes genannt und ist eine beliebte Metapher f\u00fcr die menschliche Seele. 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