{"id":722,"date":"2019-05-14T15:27:29","date_gmt":"2019-05-14T13:27:29","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=722"},"modified":"2019-06-04T22:59:18","modified_gmt":"2019-06-04T20:59:18","slug":"paulo-coelho-der-alchimist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=722","title":{"rendered":"Paulo Coelho &#8211; Der Alchimist"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-742\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb.jpg\" alt=\"\" width=\"3000\" height=\"2000\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb.jpg 3000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb-768x512.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb-700x467.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb-960x640.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/IMG_6586weeeeb-1400x933.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 3000px) 100vw, 3000px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-340 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p>Gefeiert, verschm\u00e4ht, lobgepriesen, verachtet. Paulo Coelhos internationaler Bestseller\u00a0<em>Der Alchimist <\/em>polarisiert bereits seit 1988 und gibt mir mit der unter&#8217;m Strich dennoch \u00fcberwiegend positiven Resonanz ein R\u00e4tsel auf. Aber gut, Modern Talking landete schlie\u00dflich auch in den Charts.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Coelho erz\u00e4hlt auf knapp 180 Seiten die Geschichte des Schafhirten Santiago, der nach einem wiederkehrenden Traum von einem Schatz bei den Pyramiden in \u00c4gypten aus seiner Heimat in Spanien aufbricht, um diesem Traum zu folgen und den Schatz zu finden. Auf dem Weg dorthin trifft er nicht nur auf Menschen, die ihn ermutigen und unterst\u00fctzen, sondern auch auf Hindernisse und Herausforderungen, die es zu bew\u00e4ltigen gilt.\u00a0Der Roman balanciert zwischen Kunstm\u00e4rchen und Selbsthilfe-Ratgeber, Coelhos nicht zu verfehlende Message ist hier eine vermeintlich positive: Folge deinen Tr\u00e4umen und das Universum wird dir helfen.<\/p>\n<p>Der inspirierende Kern des Buches schwingt allerdings relativ bald in eine be\u00e4ngstigend dogmatische Glaubenslehre um. Die Geschichte wirkt immer mehr wie etwas, das genauso in der Bibel h\u00e4tte stehen k\u00f6nnen. Eigentlich vorhersehbar, Coelho stellt der Geschichte einen Bibelvers voran, der es in sich hat:<\/p>\n<div style=\"padding-left: 100px; padding-right: 100px; font-size: 10pt; text-align: left;\"><em>Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.\u00a0Und sie hatte eine Schwester, die hie\u00df Maria; die setzte sich dem Herrn zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rte seiner Rede zu.\u00a0Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester l\u00e4sst allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und M\u00fche. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erw\u00e4hlt; das soll nicht von ihr genommen werden.<\/em><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"padding-left: 100px; padding-right: 100px; font-size: 10pt; text-align: left; padding-bottom: 30px;\">Lukas, 10: 38-42<\/div>\n<p>Der Vers perpetuiert das religi\u00f6se Ideal des in alle Lebensbereiche eindringenden \u00a0Glaubens und dessen Priorisierung \u00fcber alle weltlichen Pflichten. Auch Coelho folgt diesem Ideal in seiner Geschichte: das zun\u00e4chst positive &#8220;Folge deinen Tr\u00e4umen&#8221;-Geschwurbel entpuppt sich nach und nach als kollektivistische Ideologie. Der Schafhirte Santiago erf\u00e4hrt, dass seine W\u00fcnsche \u00bb[&#8230;] aus einer Weltseele geboren [&#8230;]\u00ab \u00a0(S.2 8) sind und deren Erf\u00fcllung nun seine verpflichtende Lebensaufgabe sei. Dabei sind diese W\u00fcnsche nicht pers\u00f6nlich oder ver\u00e4nderlich, sondern geh\u00f6ren zu einem Lebensplan, der wie alles auf der Welt bereits vorbestimmt ist. \u00a0Wieder kann man das typisch religi\u00f6se Ideal erkennen: h\u00f6here Instanz geht vor Individuum, in diesem Fall nicht Gott, sondern die Weltseele, einem \u00fcbergeordneten \u00c4quivalent zur individuellen Seele eines jeden Menschen, die sich aus dem \u00bb[&#8230;] Gl\u00fcck der Menschen speist [&#8230;]\u00ab (S. 28). Sp\u00e4ter im Buch best\u00e4tigt sich dann, was der Titel schon vermuten l\u00e4sst: irgendwie h\u00e4ngt das ganze auch noch mit den Geheimnissen der Alchemie zusammen, die wohl als einzige <em>&#8220;Wissenschaft&#8221;\u00a0<\/em>die Welt in ihrer wahren Form begreift.<\/p>\n<p>Alle diejenigen, die ihren<em> &#8220;pers\u00f6nlichen&#8221;<\/em> Lebensplan erf\u00fcllen, werden vom Universum unterst\u00fctzt und genie\u00dfen ein gl\u00fcckliches Leben. F\u00fcr\u00a0all jene, denen die Erf\u00fcllung dieses Lebensplans aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich ist, hat Coelho nur elitistische Missachtung \u00fcbrig und offenbart damit wie peinlich unbewusst ihm seine eigene privilegierte Situation ist.<\/p>\n<p>Noch dazu wird durch die angebliche Existenz der von Coelho pr\u00e4sentierten Weltseele im Prinzip die Umsetzung jedes Traumes oder Wunsches legitimiert, da er zu jemandes Lebensweg geh\u00f6rt und so dem gro\u00dfen Ganzen dient. Es wird nicht unterschieden zwischen guten und schlechten, n\u00fctzlichen und sch\u00e4dlichen W\u00fcnschen. Das ist nat\u00fcrlich haarstr\u00e4ubend, wenn man bedenkt, dass vor gar nicht all zu langer Zeit ein debiler Lappen mit Seitenscheitel auf dem Weg zur Erf\u00fcllung seines Traums vom arischen Gro\u00dfreich \u00fcber 6 Millionen Menschen umbrachte.<\/p>\n<p>Und wer jetzt denkt &#8220;Ja, das kann man doch nicht so w\u00f6rtlich verstehen&#8221; oder &#8220;Etwas zu schreiben hei\u00dft nicht es zu begr\u00fc\u00dfen&#8221;, der setze sich wohl am besten, damit er nicht aus den Latschen kippt, wenn ich ihm sage, dass Coelho dieses Dummgeschw\u00e4tz\u00a0von einer Weltseele tats\u00e4chlich selber glaubt. Und alleine ist er damit auch nicht. Der Glaube an eine Anima Mundi, die Seele des ganzen Universums \u00e4quivalent zur Seele eines Individuums, existiert tats\u00e4chlich in pantheistisch religi\u00f6sen und naturphilosophischen Str\u00f6mungen. Nicht alle davon sind verr\u00fcckt, Platon und Kant stellten zu diesem Thema nuanciertere und im zeitlichen Kontext wesentlich weniger abstruse \u00dcberlegungen an als Coelho. Seine esoterisch verblendete statt philosophisch abstrakte Herangehensweise verdank Coelho wohl seinem Aufenthalt in einem omin\u00f6sen religi\u00f6sen Orden in Spanien (laut eigener Schilderung in <em>\u00bb<\/em><i>Auf dem Jakobsweg \u2013 Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela\u00ab<\/i>), in dem er das Gew\u00e4sch \u00fcber eine pantheistische Weltseele aufgeschnappt hat.<\/p>\n<p>Coelho trifft in seinem Opus Magnum (Mendicum, wie ich hinzuf\u00fcgen m\u00f6chte) den Zeitgeist wie de sprichw\u00f6rtlichen Nagel auf den Kopf. In den 80ern wird unter dem Begriff <em>New Age<\/em>\u00a0esoterischer Quatsch wieder salonf\u00e4hig und Coelho schl\u00e4gt in diese Kerbe mit einer derartigen Unbeirrbarkeit, dass man meinen k\u00f6nne, sein Leben hinge davon ab.\u00a0<em>Der Alchimist\u00a0<\/em>trieft nur so vor Pseudo-Spiritualit\u00e4t und oktroyiert dem Leser gnadenlos Coelhos verquere und vollkommen verblendete Glaubensgrunds\u00e4tze auf. 180 Seiten f\u00fchlen sich bei Coelho an wie alle Game of Thrones B\u00e4nde zusammen (inklusive der bisher nicht erschienenen Teile). Seite um Seite salbadert er vor sich hin, als h\u00e4tte er die Weisheit mit Suppenkellen in sich hineingesch\u00fcttet, doch bleibt er dem Leser wahre lebensbereichernde Erkenntnisse schuldig. \u00a0Er qu\u00e4lt den Leser mit einem endlos langweiligen Plot, der mit einem Haufen religi\u00f6ser Symbolik angereichert nur dazu dient sich selbst und seine angebliche philosophisch theologische Versiertheit zu beweihr\u00e4uchern. Sprachlich ist <em>Der Alchimist<\/em> unauff\u00e4llig, und das ist hier Coelhos gr\u00f6\u00dftes Gelingen.\u00a0Aber vielleicht geh\u00f6rt ein gewisser \u00dcberfluss an Banalit\u00e4t bei einem Bestseller ja auch einfach dazu. <em>Cheri, Cheri Lady, going through emotion, love is where you find it, listen to your heart&#8230; (fade out)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefeiert, verschm\u00e4ht, lobgepriesen, verachtet. Paulo Coelhos internationaler Bestseller\u00a0Der Alchimist polarisiert bereits seit 1988 und gibt mir mit der unter&#8217;m Strich dennoch \u00fcberwiegend positiven Resonanz ein R\u00e4tsel auf. 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