{"id":686,"date":"2019-01-31T14:13:07","date_gmt":"2019-01-31T13:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=686"},"modified":"2019-10-14T00:24:00","modified_gmt":"2019-10-13T22:24:00","slug":"margarete-stokowski-untenrum-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=686","title":{"rendered":"Margarete Stokowski &#8211; Untenrum frei"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-692 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1.jpg\" alt=\"\" width=\"3000\" height=\"2000\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1.jpg 3000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1-700x467.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1-960x640.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/IMG_6253w-1-1400x933.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 3000px) 100vw, 3000px\" \/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-340 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1-Sternb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><br \/>\nIn ihrer 2016 erschienenen feministischen Essay-Sammlung <em>Untenrum frei<\/em>\u00a0besch\u00e4ftigt sich Margarete Stokowski mit der Frage wie es der Menschheit gelingen kann &#8220;<em>untenrum frei<\/em>&#8221; (in unserer Geschlechtswahrnehmung und Sexualit\u00e4t frei) zu werden. Sie stellt dabei die These auf, dass dies nur m\u00f6glich sei, wenn wir uns &#8220;obenrum freimachen&#8221; (von kulturellen Normen und Sozialisation). Alle Essays hintereinander sollen eine Art Biografie des Frauwerdens darstellen, die teilweise durch Stokowskis Leben inspiriert und teilweise erfunden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Strukturell ist dieses Buch ein einziges Chaos. Zu viele Konzepte werden zu inkonsequent verfolgt und verflechten sich am Ende in etwas, das nach dem Lesen als kaum mehr als &#8220;irgendeine feministische Lekt\u00fcre&#8221; h\u00e4ngen bleibt. Die Hauptthese des Buches, dass es sich von kulturellen Normen freizumachen gilt, um <em>untenrum frei<\/em> sein zu k\u00f6nnen, taucht hin und wieder in einigen Essays auf, bleibt aber sehr lange unerl\u00e4utert und f\u00e4ngt die Gesamtheit des Buches nicht wirklich ein. Die biografische Struktur, die sich durch die Essays als Gesamtwerk zieht, funktioniert zun\u00e4chst sehr gut, muss allerdings leider in den letzten drei Essays immer mehr philosophischem Name-Dropping und Wutanf\u00e4llen der Autorin weichen.<\/p>\n<p>Auch inhaltlich war das Buch eine Achterbahnfahrt. Wenn ich die biografischen Schilderungen Stokowskis oftmals sehr gut nachvollziehen und anhand meiner eigenen Erfahrungen und Erinnerungen best\u00e4tigen konnte, dauerte es meist nur ein oder zwei Abs\u00e4tze bis die Autorin das Thema ad absurdum f\u00fchrte und den zuvor geschaffenen &#8220;common ground&#8221; wieder verlie\u00df. Immerhin auf 4 Punkte konnte ich mich mit ihr einigen:<\/p>\n<ul>\n<li>die Kirche ist die Wurzel allen sexuellen \u00dcbels<\/li>\n<li>Frauen- und M\u00e4nnermagazine sind furchtbar<\/li>\n<li>wir brauchen dringend mehr und bessere sexuelle Aufkl\u00e4rung<\/li>\n<li>die Arbeitswelt muss frauenfreundlicher werden (vor allem im Bezug auf Familienplanung)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Um jedoch dar\u00fcber hinaus ein bisschen Wahrheit im weiten Themenfeld der Geschlechterforschung zu finden, eignet sich dieses Buch nicht.\u00a0Stokowski generiert keine neuen Erkenntnisse, sondern tr\u00e4gt vielmehr unsystematisch und unvollst\u00e4ndig vorhandenes \u00a0zusammen, bringt \u00fcberwiegend anekdotische Evidenzen f\u00fcr von ihr beobachtete Sachverhalte an und schafft es sogar noch soziologische Studien verzerrt darzustellen. Von Stokowski nicht im wissenschaftlichen Kontext wiedergegeben ist zum Beispiel eine qualitative Studie von Lewis\/Marston mit 71 Jugendlichen (was ohnehin aufgrund der fehlenden \u00dcbertragbarkeit kaum zitierterbar ist). Diese bezog sich auf Jugendliche ausschlie\u00dflich in England, die nicht einmal per Zufall, sonder per Snowball Sampling ausgew\u00e4hlt wurden. Das bedeutet, dass Befragte weitere Befragte rekrutieren, was eine unfassbare Verzerrung des Samples nach sich zieht und daher nicht auf die Allgemeinheit (geschweige denn auf internationale Ebene) \u00fcbertragbar ist. Das ist freundlich gesagt &#8220;unwissenschaftlich&#8221;.<\/p>\n<p>Mein gr\u00f6\u00dftes Problem mit dem Buch jedoch ist die Attit\u00fcde. Berechtigte Kritik an der aktuellen Art der Existenz des Feminismus werden mit S\u00e4tzen abgeschmettert wie &#8220;[&#8230;] aber ich weigere mich, die Definition von Feminismus denjenigen zu \u00fcberlassen, die ihn abschaffen wollen und die Frauen am liebsten m\u00f6gen, wenn ihnen Sperma vom Kinn tropft&#8221; (S. 199). Da wundert es nat\u00fcrlich auch nicht, dass Stokowski nur knapp eine halbe in 250 Seiten den kulturelle Normen, die sich negativ auf M\u00e4nner auswirken, widmet. Das Buch malt eine schwarz\/wei\u00dfe Welt aus Feministen bzw. solchen, die es noch werden, und Chauvinisten, was nat\u00fcrlich nicht dazu beitr\u00e4gt bestehende Probleme zu l\u00f6sen oder wenigstens einen produktiven Diskurs anzuregen. Dabei agiert sie nicht besser als die von ihr kritisierte Kirche, die mit genau dem gleichen gut\/b\u00f6se Weltbild arbeitet und entgegengesetzte Standpunkte ohne sachliche Auseinandersetzung d\u00e4monisiert<\/p>\n<p>Am Ende macht Stokowski schlie\u00dflich noch das ohnehin umstrittene Fass der Intersektionalit\u00e4t auf (die Idee, dass Feminismus sich nicht nur gegen Geschlechterdiskriminierung, sondern auch gegen Rassismus und Klassendiskriminierung etc. einsetzt) und verliert sich dann in Strohmann-Argumenten, warum es nicht genug ist sich Humanist zu nennen. Leider kommt das Wort\u00a0<em>Egalitarismus<\/em>\u00a0in diesem Zuge nicht ein einziges Mal vor, vermutlich, weil es eben genau das gleiche ist wie intersektionaler Feminismus ist, jedoch einen weitaus weniger exklusiven Namen hat.<\/p>\n<p>Insgesamt war\u00a0<em>Untenrum frei\u00a0<\/em>eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich, das essenziell wichtige Thema der Gleichstellung der Geschlechter h\u00e4tte einer sorgf\u00e4ltigeren und durchdachteren Ausarbeitung sowie einem produktiverem Ton bedurft. Am Ende bleiben doch nur 7 Essays ohne roten Faden, die alle grob um das gleiche Thema kreisen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-size: 12px;\"><strong>Quellen<br \/>\n<\/strong>Lewis\/Marston: Oral Sex, Young People, and Gendered Narratives of Reciprocity. In: THE JOURNAL OF SEX RESEARCH, 53(7), 776\u2013787, 2016<br \/>\n<a href=\"https:\/\/pdfs.semanticscholar.org\/8ca1\/568700f50190852cd6ff5a0846cfefcf8d03.pdf\">https:\/\/pdfs.semanticscholar.org\/8ca1\/568700f50190852cd6ff5a0846cfefcf8d03.pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer 2016 erschienenen feministischen Essay-Sammlung Untenrum frei\u00a0besch\u00e4ftigt sich Margarete Stokowski mit der Frage wie es der Menschheit gelingen kann &#8220;untenrum frei&#8221; (in unserer Geschlechtswahrnehmung und Sexualit\u00e4t frei) zu werden. Sie stellt dabei die These auf, dass dies nur m\u00f6glich sei, wenn wir uns &#8220;obenrum freimachen&#8221; (von kulturellen Normen und Sozialisation). 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