{"id":661,"date":"2018-10-29T20:01:02","date_gmt":"2018-10-29T19:01:02","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=661"},"modified":"2019-06-04T23:00:06","modified_gmt":"2019-06-04T21:00:06","slug":"vladimir-nabokov-pnin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=661","title":{"rendered":"Vladimir Nabokov &#8211; Pnin"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-666\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1333\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web.jpg 2000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web-768x512.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web-700x467.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web-960x640.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_6094web-1400x933.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-375\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/5-Sterneb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seit meiner Lekt\u00fcre von Lolita brenne ich darauf meinen nabokovschen Horizont zu erweitern, aber bei insgesamt 19 Romanen fiel die Entscheidung schwer. Schlie\u00dflich w\u00e4hlte ich Pnin als meine zweite Lekt\u00fcre aus Nabokovs Feder und gew\u00e4hrte dem relativ kurzen Roman unverz\u00fcglich nach Beendigung Einzug in mein Favoriten-Regal. Pnin hat mich wahrlich begeistert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als wir die Hauptfigur Timofey Pnin das erste mal treffen, ist der russische Migrant im Exil Professor an einem fiktiven amerikanischen College Namens Waindall. Seine Person polarisiert: f\u00fcr die einen ist Pnin ein verschrobener, aber liebenswerter komischer Kauz, f\u00fcr die anderen eine unertr\u00e4glich peinliche Erscheinung<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Der f\u00fcr Europ\u00e4er nahezu unm\u00f6glich korrekt auszusprechende Name <em>Pnin<\/em> ist selbst f\u00fcr russische Verh\u00e4ltnisse ungew\u00f6hnlich, was unter Literaturwissenschaftlern zu Nachforschungen zu den Gr\u00fcnden dieser nabokovschen Namensgebung gef\u00fchrt hat. Vermutet wird eine Anspielung auf das englische Wort\u00a0<em>pain\u00a0<\/em>oder eine Anlehnung an den einzigen Pnin der russischen Literaturgeschichte: Iwan Petrowitsch Pnin, der nur deshalb \u00fcberhaupt Pnin hie\u00df, weil ihm als unehelicher Sohn nur der halbe Name des Vaters Repnin zustand. Die Plausibilit\u00e4t beider Erkl\u00e4rungen wird w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre schnell deutlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Laufe des Romans bringt Nabokov uns der Hauptfigur durch eine Aneinanderreihung von Erz\u00e4hlungen n\u00e4her, in denen sich ein Muster abzeichnet: Pnin umarmt kindlich erfreut jede neue Herausforderung im Leben, diese verlaufen in der Regel zu seinen Ungunsten, Pnin rappelt sich tapfer wieder auf, nur um in die n\u00e4chste Misslichkeit zu stolpern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei alledem gelingt es Pnin in \u00fcber 10 Jahren nicht sich in Amerika endg\u00fcltig heimisch niederzulassen. Er wohnt nacheinander bei verschiedenen Familien als Untermieter, gr\u00fcndet nach seiner vor der Auswanderung gescheiterten Ehe keine Familie mehr und lernt auch die englische Sprache nur insuffizient.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler tritt zun\u00e4chst allwissend auf, entpuppt sich aber im Laufe des Romans als vermeintlicher Freund von Pnin aus alten Zeiten. Mit dieser Erkenntnis schwindet nat\u00fcrlich seine Kredibilit\u00e4t als \u00a0auktorialer Erz\u00e4hler und r\u00fcckblickend ist seine Darstellung von Pnins Person (und nat\u00fcrlich auch anderen Charakteren) stark subjektiv gef\u00e4rbt. Einen Beweis \u00fcber die tats\u00e4chliche Freundschaft zwischen dem Erz\u00e4hler und Pnin erhalten wir nicht, das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Der Erz\u00e4hler hatte nicht nur eine Aff\u00e4re mit Pnins Ex-Frau (die jedoch damals noch nicht mit ihm verheiratet war), sondern l\u00e4uft ihm auch noch den akademischen Rang ab. Auch \u00e4ndert sich gegen Ende der Ton in der Erz\u00e4hlung fast unmerklich, der Erz\u00e4hler scheint stellenweise arrogant und blickt auf Pnin herab.<\/p>\n<p>Der eigentliche Knaller f\u00fcr mich aber ist der Name des Erz\u00e4hlers: Vladimir Vladimirovich N. Hat Nabokov sich etwa selbst als Figur in den Roman gebracht? Vielleicht. Aber noch interessanter sind aber die Parallelen zwischen Nabokov und Pnin. Beide flohen w\u00e4hrend der Oktoberrevolution auf die Krim, beide residierten Zeitweise in Berlin und Frankreich und wanderten im selben Jahr nach Amerika aus. Wie passt das alles zusammen?<\/p>\n<p>Hier kommt der Teil, den ich schon in Lolita so geliebt habe: das eigenst\u00e4ndige zusammenbasteln der Hinweise, das ruminterpretieren und t\u00fcfteln. Ich pers\u00f6nlich denke, dass Nabokov sich, in Pnin des Doppelg\u00e4ngermotivs bedient hat, wie es f\u00fcr einige schon in Lolita der Fall ist (sehr interessante Artikel dazu:\u00a0<a href=\"https:\/\/wesscholar.wesleyan.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?referer=&amp;httpsredir=1&amp;article=1304&amp;context=div3facpubs\">Meyer 2009<\/a>\u00a0und <a href=\"http:\/\/lup.lub.lu.se\/luur\/download?func=downloadFile&amp;recordOId=4460208&amp;fileOId=8852042\">Falk 2014<\/a>). Dieses Motiv wird h\u00e4ufig verwendet um Indentit\u00e4tsverlust zu thematisieren oder die Dualit\u00e4t der Menschlichen Natur zu kennzeichnen, ein popul\u00e4res Beispiel w\u00e4re <em>Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde<\/em> von\u00a0Robert Louis Stevenson. F\u00fcr mich sieht es so aus als ob der Erz\u00e4hler N., der zu mindest aussieht als w\u00e4re er Synonym mit Nabokov pers\u00f6nlich, den fiktiven Doppelg\u00e4nger Pnin erschafft, um die negative Seite seiner Person abzukoppeln, auf sie hinabzusehen und am Ende besser zu sein. Nehmen wir noch den Autor selbst mit in dieses Bild, h\u00e4tten wir vermutlich sogar ein &#8220;Trippelg\u00e4ngermotiv&#8221;.<\/p>\n<p>Aber eine Rezension \u00fcber ein Werk Nabokovs w\u00e4re sinnlos ohne \u00fcber Sprache zu reden. Nabokov is ein Meister des geschriebenen Wortes und der Leser wird auch in Pnin nicht entt\u00e4uscht. Es gelingt ihm immer wieder durch kreative Formulierungen so pr\u00e4zise und nachvollziehbar eine Situation mitsamt ihrer Nuancen zu beschreiben und zeigt dabei gleichzeitig was f\u00fcr ein fantastischer Beobachter er ist. Ein Satz von Nabokov scheint immer irgendwie &#8220;dichter&#8221;, gehaltvoller als ein Satz von jedem anderen und man m\u00f6chte nur noch hellwach lesen, um auch ja jede Feinheit vollkommen bewusst aufzunehmen und nicht Gefahr zu laufen etwas zu \u00fcberlesen.<\/p>\n<p>Pnin \u00fcberzeugt mit vielschichtiger Symbolik, sprachlichem Genie und liebevoller Figuren-Entwicklung und schafft es so auch ohne konsistenten Plot den Leser zu fesseln. Das einzige was Pnin in mir nicht zu befriedigen vermochte war meine Lust auf mehr Nabokov und das betrachte ich als einen Erfolg.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-size: 10pt;\">Falk, Nichole 2014: The Function of Parody in Vladimir Nabokov\u2019s Lolita. Bachelor&#8217;s thesis in English Literature, Lund University. In:\u00a0http:\/\/lup.lub.lu.se\/luur\/download?func=downloadFile&amp;recordOId=4460208&amp;fileOId=8852042<\/p>\n<p style=\"font-size: 10pt;\">Meyer, Priscilla 2009: Lolita and the Genre of the Literary Double: Does Quilty Exist? In: Division III Faculty Publications. 305. (https:\/\/wesscholar.wesleyan.edu\/div3facpubs\/305)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit meiner Lekt\u00fcre von Lolita brenne ich darauf meinen nabokovschen Horizont zu erweitern, aber bei insgesamt 19 Romanen fiel die Entscheidung schwer. Schlie\u00dflich w\u00e4hlte ich Pnin als meine zweite Lekt\u00fcre aus Nabokovs Feder und gew\u00e4hrte dem relativ kurzen Roman unverz\u00fcglich nach Beendigung Einzug in mein Favoriten-Regal. Pnin hat mich wahrlich begeistert. 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