{"id":641,"date":"2018-08-03T09:35:18","date_gmt":"2018-08-03T07:35:18","guid":{"rendered":"https:\/\/insipid.de\/?p=641"},"modified":"2019-06-04T22:59:18","modified_gmt":"2019-06-04T20:59:18","slug":"t-c-boyle-die-terranauten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/insipid.de\/?p=641","title":{"rendered":"T. C. Boyle &#8211; Die Terranauten"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-643 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1331\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web.jpg 2000w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web-300x200.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web-768x511.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web-700x466.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web-960x639.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_2609web-1400x932.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-378 aligncenter\" src=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"15\" srcset=\"https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb.jpg 2670w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-300x49.jpg 300w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-768x125.jpg 768w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-700x114.jpg 700w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-960x156.jpg 960w, https:\/\/insipid.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-Sterneb-1400x228.jpg 1400w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">T. C. Boyles neuster Roman\u00a0<em>Die Terranauten<\/em> erschien erstmals auf Deutsch 2017 im Hanser-Verlag.\u00a0Es geht um ein sowohl soziales als auch biologisches Experiment, bei dem 8 Wissenschaftler (4 M\u00e4nner und 4 Frauen) f\u00fcr zwei Jahre in ein geschlossenes \u00d6kosystem (genannt E2) gesperrt werden und darin vollkommen autark \u00fcberleben sollen. Dieses Experiment wird finanziert und organisiert von Mission Control, einem Unternehmen, das jeden biologischen und sozialen Aspekt dieser Mission kontrolliert.<\/p>\n<p>Ziel des Experiments ist das \u00d6ffnen der Luftschleuse zu verhindern &#8211; nichts hinein und nichts hinaus zu lassen &#8211; um die Machbarkeit einer solchen Lebensweise in einer lebensfeindlichen Umgebung wie dem Mars zu simulieren. Daher nennen sich die Wissenschaftler auch <em>Terranauten<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Die Basis von Boyles Roman ist ein reales Experiment in den 90ern mit dem Namen Biosphere 2. Damals musste allerdings die Luftschleuse h\u00e4ufig aufgrund unterschiedlicher Komplikationen ge\u00f6ffnet werden und die Mission galt daher allgemein als gescheitert. Boyle setzt an dieser Stelle mit einem fiktiven Zweitversuch an, bei dem alles besser laufen soll als beim ersten Mal.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird die Geschichte in Form eines r\u00fcckblickenden Berichts aus drei Perspektiven: Dawn, eine Terranautin in E2; Ramsay, ebenfalls Terranaut in E2 und Dawns Liebhaber; Linda, Mitarbeiterin von Mission Control und Dawns beste Freundin. Leider verhinderte diese Erz\u00e4hlweise, dass wir einen tieferen Einblick in die Sichtweise der anderen 6 Terranauten bekommen. Das ist vor allem deshalb besonders schade, weil sich das Format eines 2-j\u00e4hrigen Einschlusses ideal f\u00fcr eine Charakterstudie geeignet h\u00e4tte, so aber einige Charaktere dem Leser weitgehend unbekannt bleiben und die interessante Gruppendynamik nur durch eine extrem subjektive Brille betrachtet werden kann.<\/p>\n<p>Die Charaktere sind insgesamt eine der gro\u00dfen Schw\u00e4chen des Romans. Die drei Hauptfiguren Linda, Dawn und Ramsay, die wir durch ihre Erz\u00e4hlerfunktion am besten kennen lernen, \u00a0sind so unfassbar eindimensional und stereotyp, dass sie es nicht geschafft haben in mir auch nur ein F\u00fcnkchen Interesse f\u00fcr irgendetwas zu erwecken. Dawn ist die typische Natursch\u00f6nheit, deren Welt sich nur um sie selbst dreht und die immer bekommt, was sie will. Ramsay, der verantwortungslose Macho, der aus irgendeinem unerfindlichen Grund so sehr von Dawn und ihrem Aussehen &#8211; vor allem von ihrem Aussehen &#8211; fasziniert ist, dass er nicht mehr aufh\u00f6ren kann dem Leser deswegen die Ohren vollzus\u00fclzen. Dann ist da noch Linda, die eifers\u00fcchtige Freundin mit Minderwertigkeitskomplex, die glaubt sie habe den Platz als Terranautin in E2 eher verdient als Dawn, oder jeder andere Mensch auf der Welt.<\/p>\n<p>Die 6 anderen Terranauen von E2 sind von Boyles Fantasielosigkeit nicht verschont geblieben. Gretchen, die verr\u00fcckte Alte; Stevie, die oberfl\u00e4chliche Wasserstoffblondine; Richard, der vern\u00fcnftige und professionelle Arzt der Mission; D\u00fcsentrieb, den Nerd und K\u00f6rperklaus, dessen richtigen Namen man direkt wieder vergisst. Diane und Troy treten als Personen so wenig in Erscheinung, dass es fast schwierig ist sie \u00fcberhaupt als partizipierende Charaktere wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Der Plot ist d\u00fcnn. \u00dcber 600 Seiten erstreckt sich viel unn\u00f6tiges Geschwurbel \u00fcber Essen und andere unwichtige Kleinigkeiten, die Handlung schreitet langsam voran und erst gegen Ende kommt ein bisschen Tempo in die Angelegenheit. Im Prinzip aber kann man sagen, dass der Plot ma\u00dfgeblich aus dem Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Radikalisierung einiger Terranauten besteht, was durch Komplikationen technischer und sozialer Natur versch\u00e4rft wird. Das Essen und Sauerstoff werden knapp, verschiedene Techtelmechtel vergiften das Klima. Dass die Terranautin Dawn schlie\u00dflich im zweiten Jahr von ihrem Kollegen Ramsay schwanger wird und sich daf\u00fcr entscheidet das Kind trotz mangelnder Nahrung und Luft in E2 zu bekommen und gro\u00dfzuziehen l\u00e4sst die Atmosph\u00e4re endg\u00fcltig umschlagen und bringt die Terranauten schlie\u00dflich vollends gegeneinander auf.<\/p>\n<p>Bei Mission Control sieht es nicht anders aus. Die einzigen nennenswerten Charaktere neben Linda sind Jeremiah a.k.a. <em>Gottvater<\/em>\u00a0und Judy a.k.a. <em>Judas,\u00a0<\/em>Liebespaar und Vorstandsmitglieder. Jeremiah erinnert an eine Art Steve Jobs Figur: ein Vision\u00e4r, der sein Leben der Innovation widmet. Judy ist, wie vermutlich ihr Spitzname erkennen l\u00e4sst, eine missg\u00fcnstige und intrigante Person.<\/p>\n<p>Leider macht Boyle so aus dem soziologischen Experiment ein RTL-reifes Eifersuchtsdrama zwischen den drei Erz\u00e4hlern. Bis zu Dawns Schwangerschaft (also 2\/3 des Buches) geht es nur um Aff\u00e4ren und Sex, sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb von E2, als w\u00e4re das alles, was Menschen tun. Das &#8220;aufregendste&#8221;, was uns Boyle an psychologischen Abgr\u00fcnden der menschlichen Natur in Stresssituationen pr\u00e4sentiert, ist das Klauen von Lebensmitteln, das Onanieren in der Natur und das Abgeben fieser Kommentare.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfartiger Aspekt des Romans, der all das fantastisch h\u00e4tte retten k\u00f6nnen, w\u00e4re die sektenartige bzw. quasi-religi\u00f6se Natur von Mission Control &#8211; w\u00e4re sie subtil und raffiniert eingeflochten worden. Das Unternehmen kontrolliert das Verhalten seiner Mitarbeiter so stark, dass selbst die Autonomie \u00fcber den eigenen K\u00f6rper keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr ist. Man bringt sie im Namen der Mission dazu Dinge zu tun, die sie freiwillig nicht tun w\u00fcrden und verlangt vollkommene Aufopferung des Individuums f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Sache. Perfekt dazu passte die Radikalisierung der Terranautin Dawn im Laufe der zwei Jahre, f\u00fcr die die Mission sukzessive zu einem Teil einer gro\u00dfen Ideologie wird und nicht mehr nur ein Experiment ist. Dieses verblendete Verhalten wird von der Spitze des Unternehmens unterst\u00fctzt und sogar belohnt. Hinzu kommt der Glaube an ein Weltuntergangszenario, f\u00fcr das nur Mission Control die Rettung in Form von E2 bereith\u00e4lt.<\/p>\n<p>Aber leider bleibt der Roman auch in dieser Hinsicht entt\u00e4uschend. Alleine die Spitznamen der Vorstandesmitglieder von Mission Control schreien einfach zu laut &#8220;SCHAUT MICH AN, ICH BIN EINE RELIGIONS\/SEKTEN-REFERENZ&#8221;. Gottvater, seine Freundin Judas und das dritte, eher passive Vorstandsmitglied Jesulein. Subtil. Zus\u00e4tzlich wird st\u00e4ndig von den Erz\u00e4hlern beil\u00e4ufig, fast sogar scherzhaft erw\u00e4hnt, dass Mission Control ein sektenartiger Verein sei mit\u00a0<em>Gottvater<\/em> als\u00a0<i>dem Sch\u00f6pfer. <\/i>Dass E2 im Prinzip ein gro\u00dfer Garten Eden ist, in dem ein Kind Namens Eve zur Welt kommt, ist in dem Zusammenhang einfach nur plump. \u00a0Das Ganze wirkt ungelenk und h\u00e4tte weitaus raffinierter ausgearbeitet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat der Roman literarisch auf den meisten Ebenen leider versagt. Schlechte Charakter-Entwicklung, langweiliger Plot, unkreative Ausarbeitung der Grundpr\u00e4misse und Fehlen eines tieferen Sinns. Der einzige Grund, weshalb es keine Vollkatastrophe war, ist Boyles F\u00e4higkeit zu schreiben. Zwar ist er kein Nabokov, aber sein Stil ist solide. Au\u00dferdem die Geschichte zumindest gegen Ende nicht vollkommen zum Wegschnarchen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Terranauten <\/strong>|<strong> T. C. Boyle\u00a0<\/strong>| Hanser | 604 Seiten<br \/>\nISBN: 9783446253865 | 26,00\u20ac<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T. C. Boyles neuster Roman\u00a0Die Terranauten erschien erstmals auf Deutsch 2017 im Hanser-Verlag.\u00a0Es geht um ein sowohl soziales als auch biologisches Experiment, bei dem 8 Wissenschaftler (4 M\u00e4nner und 4 Frauen) f\u00fcr zwei Jahre in ein geschlossenes \u00d6kosystem (genannt E2) gesperrt werden und darin vollkommen autark \u00fcberleben sollen. 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