Vladimir Nabokov – Pnin

Seit meiner Lektüre von Lolita brenne ich darauf meinen nabokovschen Horizont zu erweitern, aber bei insgesamt 19 Romanen fiel die Entscheidung schwer. Schließlich wählte ich Pnin als meine zweite Lektüre aus Nabokovs Feder und gewährte dem relativ kurzen Roman unverzüglich nach Beendigung Einzug in mein Favoriten-Regal. Pnin hat mich wahrlich begeistert.

Als wir die Hauptfigur Timofey Pnin das erste mal treffen, ist der russische Migrant im Exil Professor an einem fiktiven amerikanischen College Namens Waindall. Seine Person polarisiert: für die einen ist Pnin ein verschrobener, aber liebenswerter komischer Kauz, für die anderen eine unerträglich peinliche Erscheinung

Der für Europäer nahezu unmöglich korrekt auszusprechende Name Pnin ist selbst für russische Verhältnisse ungewöhnlich, was unter Literaturwissenschaftlern zu Nachforschungen zu den Gründen dieser nabokovschen Namensgebung geführt hat. Vermutet wird eine Anspielung auf das englische Wort pain oder eine Anlehnung an den einzigen Pnin der russischen Literaturgeschichte: Iwan Petrowitsch Pnin, der nur deshalb überhaupt Pnin hieß, weil ihm als unehelicher Sohn nur der halbe Name des Vaters Repnin zustand. Die Plausibilität beider Erklärungen wird während der Lektüre schnell deutlich.

Im Laufe des Romans bringt Nabokov uns der Hauptfigur durch eine Aneinanderreihung von Erzählungen näher, in denen sich ein Muster abzeichnet: Pnin umarmt kindlich erfreut jede neue Herausforderung im Leben, diese verlaufen in der Regel zu seinen Ungunsten, Pnin rappelt sich tapfer wieder auf, nur um in die nächste Misslichkeit zu stolpern.

Bei alledem gelingt es Pnin in über 10 Jahren nicht sich in Amerika endgültig heimisch niederzulassen. Er wohnt nacheinander bei verschiedenen Familien als Untermieter, gründet nach seiner vor der Auswanderung gescheiterten Ehe keine Familie mehr und lernt auch die englische Sprache nur insuffizient.

Der Erzähler tritt zunächst allwissend auf, entpuppt sich aber im Laufe des Romans als vermeintlicher Freund von Pnin aus alten Zeiten. Mit dieser Erkenntnis schwindet natürlich seine Kredibilität als  auktorialer Erzähler und rückblickend ist seine Darstellung von Pnins Person (und natürlich auch anderen Charakteren) stark subjektiv gefärbt. Einen Beweis über die tatsächliche Freundschaft zwischen dem Erzähler und Pnin erhalten wir nicht, das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Der Erzähler hatte nicht nur eine Affäre mit Pnins Ex-Frau (die jedoch damals noch nicht mit ihm verheiratet war), sondern läuft ihm auch noch den akademischen Rang ab. Auch ändert sich gegen Ende der Ton in der Erzählung fast unmerklich, der Erzähler scheint stellenweise arrogant und blickt auf Pnin herab.

Der eigentliche Knaller für mich aber ist der Name des Erzählers: Vladimir Vladimirovich N. Hat Nabokov sich etwa selbst als Figur in den Roman gebracht? Vielleicht. Aber noch interessanter sind aber die Parallelen zwischen Nabokov und Pnin. Beide flohen während der Oktoberrevolution auf die Krim, beide residierten Zeitweise in Berlin und Frankreich und wanderten im selben Jahr nach Amerika aus. Wie passt das alles zusammen?

Hier kommt der Teil, den ich schon in Lolita so geliebt habe: das eigenständige zusammenbasteln der Hinweise, das ruminterpretieren und tüfteln. Ich persönlich denke, dass Nabokov sich, in Pnin des Doppelgängermotivs bedient hat, wie es für einige schon in Lolita der Fall ist (sehr interessante Artikel dazu: Meyer 2009 und Falk 2014). Dieses Motiv wird häufig verwendet um Indentitätsverlust zu thematisieren oder die Dualität der Menschlichen Natur zu kennzeichnen, ein populäres Beispiel wäre Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson. Für mich sieht es so aus als ob der Erzähler N., der zu mindest aussieht als wäre er Synonym mit Nabokov persönlich, den fiktiven Doppelgänger Pnin erschafft, um die negative Seite seiner Person abzukoppeln, auf sie hinabzusehen und am Ende besser zu sein. Nehmen wir noch den Autor selbst mit in dieses Bild, hätten wir vermutlich sogar ein “Trippelgängermotiv”.

Aber eine Rezension über ein Werk Nabokovs wäre sinnlos ohne über Sprache zu reden. Nabokov is ein Meister des geschriebenen Wortes und der Leser wird auch in Pnin nicht enttäuscht. Es gelingt ihm immer wieder durch kreative Formulierungen so präzise und nachvollziehbar eine Situation mitsamt ihrer Nuancen zu beschreiben und zeigt dabei gleichzeitig was für ein fantastischer Beobachter er ist. Ein Satz von Nabokov scheint immer irgendwie “dichter”, gehaltvoller als ein Satz von jedem anderen und man möchte nur noch hellwach lesen, um auch ja jede Feinheit vollkommen bewusst aufzunehmen und nicht Gefahr zu laufen etwas zu überlesen.

Pnin überzeugt mit vielschichtiger Symbolik, sprachlichem Genie und liebevoller Figuren-Entwicklung und schafft es so auch ohne konsistenten Plot den Leser zu fesseln. Das einzige was Pnin in mir nicht zu befriedigen vermochte war meine Lust auf mehr Nabokov und das betrachte ich als einen Erfolg.


Literatur

Falk, Nichole 2014: The Function of Parody in Vladimir Nabokov’s Lolita. Bachelor’s thesis in English Literature, Lund University. In: http://lup.lub.lu.se/luur/download?func=downloadFile&recordOId=4460208&fileOId=8852042

Meyer, Priscilla 2009: Lolita and the Genre of the Literary Double: Does Quilty Exist? In: Division III Faculty Publications. 305. (https://wesscholar.wesleyan.edu/div3facpubs/305)

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