Emily Ruskovich – Idaho

“Sterben bedeutet nur, sich zu erinnern, dass man stirbt.”


Idaho | Emily Ruskovic | Hanser Berlin | 377 Seiten
ISBN: 9783446258532 | 24,00€


Worum geht’s?

Eine Familie, Mutter, Vater und die beiden Töchter, gehen an einem heißen Spätsommertag Feuerholz hacken. Doch ein Furchtbares Ereignis zerstört die Idylle, ein Ereignis in das die jüngste Tochter, die Mutter und ein Beil involviert sind. Der Vater Wade ist nun allein auf der Welt, seine Frau im Gefängnis, seine jüngste Tochter tot und die ältere Tochter seither unauffindbar. Mit Ann seiner neuen Frau versucht er weiter zu machen, sein Leben nun gezeichnet von Verlust – sowohl seiner Familie als auch seines Gedächtnisses, das er aufgrund einer Frühdemenz nach und nach vollkommen verliert.

Spoilerfreie Rezension

Ich muss gestehen, dass vor allem das wunderschöne Cover zunächst meine Aufmerksamkeit eingefangen hat. Da ich durchaus eine Vorliebe für dunkle Themen habe, hat mich auch der Klappentext direkt angesprochen und trotz meines extrem hohen Stapels ungelesener Bücher habe ich Idaho von Emily Ruskovic direkt gekauft und angefangen.

Anders, als man vielleicht erwartet, ist dies keine Geschichte über die Aufklärung einer Straftat, über einen Prozess oder die psychologischen Folgen eines solchen Familiendramas für Angehörige. Tatsächlich ist Idaho ein Roman, in dem es mehr oder weniger um nichts handfestes geht. Das ist gleichzeitig auch mein erster Kritikpunkt.

Mir fällt es schwer im Nachhinein tatsächlich festzustellen, was genau die Handlung war, denn insgesamt kommt mir das Buch in seiner Gesamtheit mehr wie eine Collage aus Erinnerungen vor, ohne roten Faden. Die Handlung springt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her, die Kapitel haben jeweils den Namen des aktuellen Jahres. Das kann total super sein, in diesem Fall war es jedoch häufig chaotisch. Obwohl zum Beispiel das Jahr 2024 im Kapitelnamen angekündigt war, begegnen einem Rückblenden in die Vergangenheit, was tatsächlich etwas wirr und planlos schien.

Worüber ich mich gefreut hätte wäre eine psychologische Aufarbeitung des Themas, da jedoch einer der Protagonisten langsam sein Gedächtnis verliert, seine Frau ohnehin kaum etwas darüber weiß und die Täterin selber im Gefängnis sitzt und sich nicht dazu äußert, bekommen wir eigentlich keinen echten Einblick in das Ereignis selbst.

Das einzige, was wir bekommen, sind die Gedanken von Wades neuer Ehefrau Ann, die sich versucht aus kleinsten Hinweisen zusammenzureimen wieso alles so gekommen ist, wie es nunmal gekommen ist. WIESO? Das ist vermutlich die essentielle Frage dieses Romans. Die essentiellste aller Fragen, die jedoch hier nicht beantwortet wird. Und vielleicht hat Ruskovic auch das nicht gewollt. Immer wieder hört man ja in den Nachrichten von furchtbaren Verbrechen, die einen Fragen lassen “WIESO?”, aber niemand kann einem je eine befriedigende Antwort darauf geben. Und genauso wenig bekommen wir diese Antwort in Idaho.

Insgesamt war es eine interessante, aber auch zutiefst unbefriedigende Lektüre. Gestört hat mich die unstringente Erzählweise. Den Schreibstil empfand ich als etwas zu gewollt poetisch. Insgesamt gab es kein greifbares Thema. Alles drehte sich mehr oder weniger um das Beil-Ereignis, aber eben auch nur mehr oder weniger. Dazu kam die Demenz des Protagonisten, was mir teilweise auch eher als ein nicht ganz ausgereifter Aspekt der Geschichte erschien. Alles passte eher so mittelmäßig gut zusammen. Nette Lektüre, aber kein Must-Read und mit 24€ tatsächlich ein bisschen überteuert. Solltet ihr das Buch gelesen haben, diskutiere ich im nächsten Abschnitt ein paar Einzelheiten der Geschichte, die das Buch für mich interessanter gemacht haben, jedoch das Leseerlebnis etwas spoilen können.

Habt ihr das Buch gelesen? Hat es euch gefallen? Plant ihr es zu lesen?

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Wie schon erwähnt wurde meine Lektüre dominiert von der Frage “WIESO?”. Wieso tut meine Mutter sowas? Leider habe ich darauf in Idaho keine Antwort gefunden. Vielleicht, weil es keine gibt. Vielleicht aber auch, weil die Mutter es gar nicht getan hat.

June wurde im Buch beschrieben als verrückt nach Jungs, älteren Jungs. Sie riecht nach nervösem Tier und hat hin und wieder Ausbrüche. Das Kapitel mit Elliot deutet darauf hin, dass SIE es war, die den Rucksack ihres älteren Schwarms auf dem kaputten Steg platziert hat, was dazu führte, dass er ins Wasser einbrach, dort klemmen blieb und ein Bein verlor. Hatte June psychopathische Züge? Sie stritt sich häufig mit ihrer Schwester und das Verhältnis war zunehmend schwierig. Hat June May umgebracht und die Mutter stand dafür ein, um sie zu schützen?

Warum ist June weggelaufen, ohne dass sie je gefunden wurde? Klar, sie lief weg aus Angst, aber wieso konnte sie kein Suchtrupp je finden? Ein Kind kann unmöglich so gut versteckt gewesen sein, außer es wollte nicht gefunden werden. Vielleicht, weil eben sie die Schuldige war.

Die alternative, die Ann sich ausmalte, wurde für mich zunehmend unrealistisch. Ann spekulierte, dass Wade schon lange in sie verliebt war und das Lied, welches Ann ihm beibrachte, May irgendwie zu Ohren gekommen war, sodass sie es an jenem furchtbaren Tag sang. Das hat in Anns Vorstellung die Mutter Jenny so wütend gemacht, dass sie May erschlug, weil sie glaubte Wade könnte eine Affäre mit Ann haben. Aber wie viele Aspekte der Geschichte scheint mir diese Möglichkeit ein reines Produkt von Anns Fantasie, die sich auf die meisten Dinge aus Wades Vergangenheit keinen klaren Reim machen kann und daher jeden erdenklichen Strohhalm ergriff, um die Geschichte um was “Wieso?” zu Ende zu spinnen.

Es wird wohl keine eindeutigen Antworten auf all die Fragen, die Idaho aufwirft, geben.

 

2 comments / Add your comment below

  1. Über die Rezension zu “Idaho” freue ich mich sehr. Ich möchte das Buch unbedingt auch noch lesen. Auch wenn Du durchaus kritische Töne anstimmst – was ich aber wiederum grade spannend finde.Tolles Bild übrigens wieder einmal =)

    Neri, Leselaunen

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