Vladimir Nabokov – Lolita


Lolita Vladimir Nabokov Everyman’s Library | 335 Seiten
ISBN: 0679410430 | 14,99€


“Human life is but a series of footnotes to a vast obscure unfinished masterpiece”

“I need you, the reader, to imagine us, for we don’t really exist if you don’t.”

“And the rest is rust and stardust.”

Spoilerfreie Rezension

Ich denke mal jeder, der nicht seit 1955 hinter’m Mond lebt, weiß in etwa worum es geht. Ich bin wirklich hart im Nehmen, aber das Buch hat selbst mich auf so vielen Ebenen aus der Bahn geworfen, dass ich mir unsicher war, ob ich überhaupt eine Rezension schreiben soll. Dennoch gebe ich nun mein Bestes, euch das Meisterwerk schmackhaft zu machen (denn es war wirklich gut!).

Ich denke Lolita gehört zu den Büchern, die JEDER Literaturfreund mal gelesen haben muss, denn eines kann ich euch sagen: trotz des unglaublich schweren Themas ist dieses Buch eine Liebeserklärung an die Literatur. Die Sprache ist einfach nur DER SHIT, vor allem auf Englisch. Und das obwohl Nabokov kein native speaker war! Ja, ER SELBST hat das ganze ins Englische übersetzt, das muss man sich mal geben.

Wie dem auch sei, neben der Sprache gibt es noch mehr zu loben. Die ganze Geschichte wird aus der Sicht des Humbert Humbert, dem Protagonisten, erzählt und stellt im Grunde sein Geständnis an eine Jury (den Leser) dar. Selbstverständlich ist jener ein wahnsinnig unzuverlässiger Erzähler, er widerspricht sich selbst und wird mehr oder weniger verrückt je weiter die Geschichte fortschreitet. Das führt dazu, dass wir Lolita (oder sollte ich besser sagen: Dolores? Denn das ist ihr richtiger Name.) eigentlich gar nicht kennen lernen. Wir müssen also diesem Verrückten zu einem gewissen Grad Glauben schenken, ob wir wollen oder nicht. Die Tatsache, dass er im Laufe des Buches den Verstand vollkommen verliert, ist dem nicht zuträglich.

Außerdem ist dieses Werk natürlich das ultimative Beispiel dafür, dass ein Buch nicht moralisch einwandfrei sein muss, um ein gutes zu sein. Literatur muss uns manchmal kratzen wie ein Wollpullover, sie muss unsere Sicht der Dinge herausfordern und uns aus der Comfort Zone herausholen. Nur so können wir uns am Ende sicher sein nicht in einer Informationsblase zu leben, in die wir nur hereinlassen, wer uns ohnehin zustimmt.

Lolita war manchmal schockierend, manchmal zäh, jedoch immer irgendwie an der Grenze des erträglichen. Und dennoch bin ich froh es gelesen zu haben und kann euch schon jetzt verraten, dass ich es auf jeden Fall irgendwann nochmal lesen werde und vermutlich dann eine tiefgehendere Buchbesprechung daraus mache.

Nabokov hat hier nichts dem Zufall überlassen, alles ist bis ins kleinste Detail durchdacht und es ist nahezu unmöglich das alles beim ersten Mal lesen aufzunehmen. Dieses Werk hat wahnsinnig viele Ebenen, die wohl niemand je vollkommen durchdringen wird. Aber das Buch hat mich tief bewegt und lange nach dem Lesen weiterbeschäftigt, sodass ich mir sogar ein bisschen Sekundärliteratur besorgt habe. Ich sehe in dem Buch mehr als nur die Geschichte einer Obsession, ich denke, dass jedes Detail einen tieferen Sinn hat. Ihr merkt schon, ich bin Feuer und Flamme.

Noch eine Schlussbemerkung: ich kann wirklich nicht verstehen, wieso Lolita vielfach als “Liebesroman” bezeichnet wird, aber ich rate euch davon ab das Buch als einen solchen zu lesen.

Habt ihr Lolita gelesen? Plant ihr es zu lesen? Wie steht ihr zu solchen Themen in der Literatur?

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Um eine detailreiche Analyse machen zu können, muss ich das Buch nochmal lesen, denn ich bin mir zu 100% sicher, dass mir so einiges durch die Lappen gegangen ist. Daher werde ich jetzt hier lediglich ein paar Gedanken und Fragen teilen, die ihr gern kommentieren dürft, falls ihr das Buch schon gelesen habt.

Das Erste, was mir aufgefallen ist, ist der ständige Namenswechsel. Wann immer Humbert zu ihr “Lolita” statt “Dolores” sagte, ging es um sein Verlangen nach ihr, währen “Dolores” ihre eigentliche Person beschrieb. Es kam mir fast so vor, als wäre Lolita eine völlig separate, konstruierte Persönlichkeit, die nur in Humberts Fantasie, aber nicht in der Realität existiert. Meistens sprach er von sich selber auch genau dann in der 3. Person.

Was mich persönlich außerdem stutzig gemacht hat, ist seine Suche nach Clare Quilty, bei der er im Grunde immerzu nach sich selbst zu suchen schien. Alle Hinweise deuteten darauf hin, dass er selbst Clare Quilty ist. Nachdem ich ein bisschen Essays gewälzt habe, habe ich herausgefunden, dass es tatsächlich in der Literaturwissenschaft eine solche Theorie gibt. Die Frage ist dann allerdings: was ist mit Dolores passiert, nachdem sie verschwand? Und wieso sagt sie selber sie sei zu Quilty gekommen, als Humbert sie später als erwachsene, schwangere Frau besucht, wenn es Quilty doch gar nicht gegeben hat?

Diese Unstimmigkeiten gepaart mit der Tatsache, dass Humbert in seiner Vergangenheit häufiger mal in psychiatrischen Einrichtungen Patient war, lassen mich ernsthaft daran zweifeln, ob die ganze Story real war, oder ob er einfach nur vollkommen durchgeknallt ist und sich das ganze zusammenfantasiert hat.

Aber wie gesagt, das sind nur ein paar oberflächliche Überlegungen. Ich werde die nächsten Monate mal tiefer in die Materie eintauchen und berichten, was dabei rauskam.

6 comments / Add your comment below

  1. Hach, ich bin so verliebt in Deine wunderschönen Fotos. Das Buch interessiert mich in jedem Fall, wie ich dann zum Thema stehe, entscheide ich meist danach. Spannend finde ich es definitiv.

    Neri, Leselaunen

  2. Halo Jana,

    darf ich dir einen kleinen – absolut nicht böse gemeinten – Tipp geben? Ich würde IMMER eine kleine Inhaltsangabe nennen. Selbst bekannte Bücher sind manchen Leuten unbekannt. Ich zum Beispiele kenne dieses Buch bisher nur vom Titel. Ich hätte gerne gewusst worum es geht, denn so hat mir deine eigentlich sehr schön geschriebene Rezension nicht ganz so viel gebracht. Wie gesagt, es ist absolut nicht böse gemeint!

    Liebe Grüße,
    Pia

    1. Hallo Pia!
      Ich habe das nicht als böse gemeint aufgefasst, keine Sorge 😀
      Ja, das mache ich auch normalerweise, aber ehrlich gesagt war es mir speziell bei diesem Buch etwas zuwider den Inhalt zu wiederholen, das war jetzt einfach ein bisschen Feigheit meinerseits. Ich hab mir selbst einfach nicht zugetraut das so neutral aufzuschreiben, das verstehst du vielleicht bei speziell dieser Thematik (Pädophilie)..
      Aber Ansonsten gebe ich dir vollkommen Recht und vielleicht reiche ich hier auch nochmal den Inhalt nach, sobald mir ein guter Wortlaut eingefallen ist, den ich mich traue so stehen zu lassen 😀

      Liebe Grüße
      Jana

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